Beenden einer DF-Session

Ist eine DF Session zu Ende, gibt es mehrere Möglichkeiten den Prozess zu sichern. Man ändert dann den Arbeitsmodus willentlich und sieht sich an, was entstanden ist – steht also vor den Flipcharts und Papierbögen an der Wand und lässt Revue passieren.

1. In einem ersten Schritt kann der DFer/ die DFerin nun den Weg der Gruppe anhand von Wegmarken (Wendepunkten/Shifts/ Durchbrüchen…) der Gruppe beschreiben. Dieser Weg kann auf einem Flipchart aufgezeichnet werden. Er dient der Gruppe zur Orientierung und auch dazu, zu erkennen, wie weit man es schon gebracht hat.

2. Auf dem Lösungschart stehen Vorschläge aus der Runde. Nicht alles, was hier geschrieben steht, kann aber von allen mitgetragen werden. Es gilt nun diejenigen Lösungen zu extrahieren, die in Einmütigkeit entstanden sind. Es sind jene die jemand sagt und alle nicken. Oder aber man frägt in die Runde, ob es sich beim Nämlichen um eine Lösung handle. Nun kann die Reaktion auf diese Frage Unverständnis auslösen, denn der Runde war ohnehin klar, dass – eben genau das Genannte – eine Lösung darstellt, die von allen voll und ganz mitgetragen wird. Diese Lösung wird als (einmütige) Lösung festgehalten.

3. Auf einem neuen Flipchart mit der Überschrift „Of Courses“ stehen jene Dinge die allen sonnenklar erscheinen. Es handelt sich weniger um Lösungen, als um jene Dinge die die Gruppe als vorausgesetzt annimmt. Diese können auch schon während des DF Prozesses gesammelt werden (auf einem 5. Flipchart). In der Regel allerdings erst danach. 

4. Bei DF Sessions die in einem früheren »Reifegrad« beendet werden, – etwa weil sich die Zeit zu Ende neigt – ist es wichtig, die Informationen und die Themen für eine nächste Session zu sammeln. Dies geschieht über die „Bookmarks“ – also Lesezeichen für die nächste Session. Die offenen Themen werden hier aufgelistet. Ob die Gruppe dann auch wirklich dort weiterarbeiten möchte oder nicht, bleibt der Gruppe überlassen. Möglicherweise gibt es in der Zwischenzeit – etwa eine Woche später – dringendere Themen, die behandelt werden wollen. Mehr dazu findet sich in Rosa Zubizarettas Buch «Dynamic Facilitation» ab p. 94 und ganz konkret auf p. 103.


Der Link zum Buch: Zubizaretta, Rosa: Dynamic Facilitation; (DE), Zubizaretta, Rosa: Dynamic Facilitation; (CH) oder Zubizaretta, Rosa: Dynamic Facilitation; (AT)

Dynamic Facilitation: Im Land der leichten Möglichkeiten

Freitag 15. Juni 2018: 30 Bürger und Bürgerinnen treffen sich und bilden für zwei Tage den BürgerInnen-Rat. Zwei Tage die von intensivem Zuhören, gegenseitigem Lernen und dem gemeinschaftlichen Entwickeln von Lösungen geprägt sind. Die Moderation der Bürgerräte erfolgt mit Dynamic Facilitation.

Meine erste Berührung mit »DF« liegt schon etwas länger zurück. Im Auftrag des vorarlberger »Büros für Zukunftsfragen«, sollte ich 2010 einen Bürgerrat für Jugendliche in Sulzberg mit der Kamera dokumentieren. Irgendwie ließ mich das Thema Dynamic Facilitation und diese besondere Form der Konversation, bei der das Gesagte weit weniger Gewicht zu haben schien, als das aufmerksame Zuhören, nicht mehr los.

Diese Magie, die so eine Dynamic Facilitation Session ausstrahlt, rührt daher, dass unsere normalen Kommunikationsmuster, die wir zum Beispiel in Diskussionen und Streitgesprächen an den Tage legen, bei Dynamic Facilitation unterbunden werden. Das ewige »Ja, aber…«, mit dem wir sonst das Argument der anderen Seite abschwächen, um unser eigenes zu erhöhen, weicht einem »ja, genau, und…«. Dynamic Facilitation schafft es auch Menschen den Schutz zu geben, den sie brauchen, um offen, aus tiefster Emotion zu sprechen. Wut, Frust, Ärger und Angst, kurz Ballast der sonst blockiert und nur »die eine Lösung« sehen lässt, fällt ab und der Blick wird frei für ganz neue, ungeahnte Möglichkeiten.

Ein Kollege nannte diesen Moment in einer Dynamic Faciltiation Session unlängst »die Schwelle zum Land der leichten Möglichkeiten«. Irgendwie konnte ich mich zunächst nicht recht mit dieser banalen Beschreibung anfreunden – und doch trifft es genau, was Jim Rough unter Choice-Creating versteht. Choice-Creating ist ein gruppendynamischer Zustand in dem Lösungen aus dem stapeln verschiedener Gedanken entstehen. Wird die Lösung schließlich von einer Person verbalisiert, ruft sie bei allen ein Nicken hervor. Die Lösung ist in Einigkeit entstanden, ohne, dass eine Abstimmung nötig gewesen wäre. Das begründet die hohe Akzeptanz von Lösungen, die in Dynamic Facilitation Sessions entstehen, oder eben im Zuge eines BürgerInnen-Rates.

Beim BürgerInnen-Rat kommen immer wieder per Zufallsgenerator ausgewählte VorarlbergerInnen und Vorarlberger in den Genuss der Vorzüge des Lands der leichten Möglichkeiten. Wir sollten diesen Geisteszustand viel öfter in unseren Alltag einbauen, ihn zu einer Kulturtechnik machen, derer wir uns bei Bedarf ganz selbstverständlich und mit Leichtigkeit bedienen.

Dynamic Facilitation – geschichtlich gesehen

»In echt verfahrenen und schwierigen Situationen nämlich – Situationen, in denen ein schwieriges Thema gelöst werden muss und in denen möglicherweise niemand mehr daran glaubt, dass es hier überhaupt eine Lösung geben könne, in denen es aber dringendst einer Lösung bedarf und in denen aufgrund der Komplexität eine differenzierte Dokumentation des gesamten Lösungsprozesses sehr hilfreich ist – in einer solchen Zwickmühlen-Situation würden wir Dynamic Facilitation wählen. Und nichts anderes.«

Matthias zur Bonsen,
Dynamic Facilitation Trainer
zur.bonsen@all-in-one-spirit.de

Ziel von Dynamic Facilitation ist das gemeinsame ergründen von Handlungsspielräumen für vertrackte, emotionsgeladene Probleme.

Dynamic Facilitation, kurz D.F.  – scheint dafür bestens geeignet zu sein. Das sogenannte »Choice Creating«, also das kollektive Denken in Möglichkeiten zur Lösung eines Problems, findet da statt, wo eine Gruppe gemeinsam nach der Dynamic Facilitation Methode an Problemen arbeitet. Dabei setzt ein kollektiver Denkenprozess ein, ganz anders als in normalen Diskussionen oder Debatten. Es ist nicht mehr länger nötig Positionen zu verteidigen oder jene der gegenpartei nieder zu machen. Vielmehr  werden die Beteiligten die Argumente der anderen nachvollziehbar und sie werden befähigt, den anderen Gruppenmitgliedern mit Empathie gegenüberzutreten. Mögliche Verletzungen, Frust, Wut, Angst und Kränkungen, die einer Problemlösung unverrückbar im Weg stehen, werden dank D.F, überwunden. Das was heraus muss, das was gesagt sein will, wird frei ausgesprochen und auch für alle sichtbar notiert. Dieser Schritt ist die »Reinigung« (engl. Purge).

»Only after everyone in the group was able to purge, the group can move on.«

Jim Rough
Erfinder von Dynamic Facilitation
Jim@dynamicfacilitation.com

Ist diese Phase überwunden, alles Wichtige an der Wand notiert und der Sprechende fühlt sich gehört, setzt eine Wandlung ein. Aus einer Verwundung, die den Weg zur Problemlösung unmöglich zu machen schien, wird eigenverantwortliches Denken und Handeln. Dieses Dynamic Facilitation Prinzip ebnet den Weg zu gemeinsamen Sichtweisen und gemeinsam getragenen Lösungen. Sie lässt die Gruppe tiefes Vertrauen bilden und ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen.

»DF – the most powerful small group process ever. Jim Rough’s Dynamic Facilitation is the most fluid, powerful form of consensus process I know, which also happens to be the process behind the Wisdom Council, the most powerful democratic innovation I know. I highly recommend you learn about it.«

Tom Atlee, Author of »Tao of Democracy«,
head of the the »Co-Intelligence Institute«

2012 hatte ich das erste Mal Gelegenheit mit Jim Rough, dem Erfinder von Dynamic Facilitation, ein Interview zu führen. Er ist ein charismatischer, ruhiger Mann, Ende sechzig. Er trägt weiße Turnschuhe, Jeans und ein bordeauxrotes Hemd. Gelassen sitzt er auf einer Ledercouch. Sein Blick ist seitlich an der Kamera vorbei auf mich gerichtet.

In den Neunziger Jahren nimmt Jim einen Beraterjob für eines der großen Sägewerke an der amerikanischen Westküste an. Jim ist beeindruckt von der Güte des Rohstoffes Holz, von der hohen Qualität der Produkte, den Gerätschaften und dem technischen Standard in der Produktion. Dennoch ist das Sägewerk nicht ertragreich. Der Grund ist einfach beschrieben: Die Mitarbeiter sind untereinander heillos zerstritten. Jegliche Beratungstätigkeit scheint fruchtlos zu sein. Inspiriert von den Theorien C.G. Jungs kommt Jim über Nacht eine Idee.

Jim geht davon aus, dass in jedem einzelnen Mitarbeiter des Sägewerkes ein Teil der Antwort auf die Herausforderung, wieder ertragreich zu wirtschaften, steckt. Ausgestattet mit einem individuellen Werteschatz, jahrelanger Erfahrung und vor allem Kreativität sollen die Arbeiter gemeinsam zu einem Ergebnis kommen, das sie wieder in eine erstrebenswerte Zukunft blicken lässt. Es gilt, das Murren und den Missmut, den Neid und die Erstarrung in Aktivität und Verantwortungsbewusstsein um zu wandeln.

In den folgenden Wochen probiert Jim seine neue Methode aus. Ein Dutzend Personen sind zur Teilnahme eingeladen und sollen gemeinsam zum Durchbruch kommen, indem sie Lösungswege die gemeinschaftlich getragen sind, ausarbeiten. Im Sägewerk werden in Folge diverse Maßnahmen gesetzt, die für alle nachvollziehbar sind und allgemein auf Anhieb umgesetzt werden. Denn jedeR Einzelne, egal ob Teilnehmer in der Runde oder nicht, findet sich darin wieder. Das Gespräch mit einer Zufallsauswahl an Teilnehmern scheint für das ganze System von Relevanz zu sein und stößt zudem durchwegs auf positive Resonanz. Dieser Erfolg veranlasst Jim Rough seine Ideen auch auf andere Situationen und Probleme anzuwenden. Die Dynamic Facilitation Methode ist geboren.

Wie funktioniert die Methode im Detail?

Man stelle sich folgendes Setting vor: Eine Gruppe sitzt in einem Halbkreis. Es gibt vier Flipcharts. Auf Flipchart eins werden die Herausforderungen oder Problemstellungen vom Moderator mit notiert. Auf Flipchart zwei haben alle Bedenken Platz. Hier findet das sogenannte »Purging«, die Reinigung statt. JedeR darf hier seinem/ihrem Unmut freien Lauf lassen. In der Regel passiert das in den ersten Stunden einer Runde. Auf einem weiteren Flipchart werden Informationen zum Thema, die vom Moderator aber nicht bewertet oder auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden, aufgeschrieben. Auf dem vierten Flipchart stehen die Lösungen. Der Moderation kommt eine herausfordernde Rolle zu. Sie muss dafür sorgen, dass alles auf den Flipcharts landet, so dass sich jede/R Wiederfindet. Dabei ist es wichtig, wachsam beim Gegenüber – bei sich selbst – zu bleiben, um nicht Gefahr zu laufen in Gedanken zur Lösungsfindung abzudriften. Aktives Zuhören und die Wertewelt der anderen unvoreingenommen wahrzunehmen sind Grundregeln des Dynamic Facilitation, die für alle TeilnehmerInnen gelten.

Die wirkliche Öffnung erfolgt dann, wenn die Bedenken formuliert werden konnten und gut sichtbar für alle niedergeschreiben sind. Dann erfolgt die Wandlung und es stellt sich in der Gruppe ein kollektives Verständnis für die Lebensrealität eines jeden Einzelnen ein. Das ist der Moment, in dem es zu einem Durchbruch kommen kann. Jim umschreibt diese Situation, in der das kollektive Denken einsetzt, mit Choice Creating. Eine mögliche Übersetzung dafür ist »Denken in Möglichkeiten«; Es ist jener Moment in dem eine Person eine Lösung formuliert und ein Raunen und Nicken der Anerkennung durch die Gruppe geht….

Interview mit Jim Rough 2012 in Batschuns, Österreich

 

Der Bürgerrat

Beim BürgerInnen-Rat treffen sich durch Zufallsauswahl aus dem Melderegister zusammengewürfelte Menschen für eineinhalb Tage, um zu zukunftsrelevanten Fragen Lösungsvorschläge zu erarbeiten und gleichzeitig eine neue Dialogkultur zu erfahren.

Der BürgerInnen-Rat ist eine Antwort darauf, wie wir Demokratie weiterentwickeln können und eine gelebte, politische Kultur gestalten können. Im Spannungsfeld aus Politikverdrossenheit und der Forderung nach mehr Mitbestimmung bietet der Bürgerrat eine Möglichkeit, wie sehr niederschwellig das Vertrauen in Demokratie, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Verständnis für Politik gestärkt werden kann. Mit dem Bürgerrat können PolitikerInnen und BürgerInnen in der Zusammenarbeit mehr Verständnis füreinander entwickeln und erkennen, was im Sinne des Gemeinwohls zu tun ist.

Der Bürgerrat ist in der Lage Probleme holistisch zu betrachten. Jeder Bürger/ jede Bürgerin bringt ihr Fachwissen, ihre Lebensrealität in das Gespräch ein. Fernab von Fachexpertentum halten Bürger/ BürgerInnen inne, verharren im Moment und hören zu, wenn Mitmenschen über ihre Wut, ihre Sorgen und ihre Ängste berichten, Probleme aufwerfen und Lösungsvorschläge einbringen. Durch die Moderationsmethode Dynamic Facilitation wird das Gespräch verlangsamt. Dies ermöglicht erst, das intensive Zuhören, den Schlüssel zum Durchbruch. Die Gruppe fängt allmählich an die eigenen Sichtweisen, um die Perspektiven der anderen Teilnehmer zu erweitern. So entstehen sukzessive radikal neue und generationengerechte Lösungen für die vertracktesten Probleme.

Der BürgerInnen-Rat ist wie eine Gemeinschaft der Gemeinschaften zu verstehen. Jeder der per Zufall ausgewählten Teilnehmer ist Träger von Wissen über und aus seiner ganz individuellen Gemeinschaft, seiner Nachbarschaft, seiner Lebensrealität. Nur durch diese radikale Diversität und Beliebigkeit in der Auswahl, kann der für den BürgerInnen-Rat so wichtige Aspekt einer vernetzten Herangehensweise an Herausforderungen garantiert werden. Jeder/Jede quer durch alle Alterskohorten und Gesellschaftsschichten bringt seine Erfahrung und Sichtweise mit. Gemeinsam lernen alle Beteiligten übereinander und voneinander, bauen Vertrauen auf und gehen freudvoll an die Lösung der großen Fragen. Dabei